Amway: 225 Millionen Dollar und die Frage, wer hier eigentlich verdient
Mehr Freiheit, ein zusätzliches Einkommen und irgendwann vielleicht den normalen Job hinter sich lassen: Mit solchen Aussichten lässt sich Begeisterung wecken. Besonders dann, wenn Menschen erzählen, sie hätten genau das bereits geschafft – und könnten anderen den Weg zeigen.
Doch was bleibt von diesen Erfolgsgeschichten übrig, wenn man sich die Zahlen und die laufenden Kosten ansieht?
Ein Verfahren gegen Amway in den USA gibt dazu interessante Einblicke. Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC und der Bundesstaat Washington werfen dem Unternehmen und zwei Schulungsanbietern vor, Menschen mit irreführenden Einkommensversprechen angeworben und zu Produktkäufen gedrängt zu haben. Eine vereinbarte Vergleichsregelung sieht insgesamt 225 Millionen US-Dollar an Zahlungen sowie Änderungen am Geschäftsmodell vor.
Der Fall wirft eine grundlegende Frage auf: Verdienen die Teilnehmer mit dem Geschäft – oder verdient das Geschäft vor allem an seinen Teilnehmern?
Inhalte des Blogartikels
Was ist bei Amway passiert?
Am 17. September 2026 reichten die FTC und der Bundesstaat Washington eine Klage gegen drei Unternehmen ein:
- Amway, das unter anderem Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetik und Haushaltsprodukte vertreibt.
- World Wide Group (WWG) und Leadership Team Development (LTD), zwei von Amway zugelassene Anbieter von Schulungen und Unterstützungsangeboten für Vertriebspartner.
Gleichzeitig legten die Parteien eine gemeinsame Vergleichsregelung vor. Ein Vergleich bedeutet, dass sich die Beteiligten darauf einigen, den Streit unter bestimmten Bedingungen beizulegen.
Wichtig dabei: Amway und die beiden Schulungsanbieter räumen die Vorwürfe im Vergleich nicht ein. Die Klage beschreibt die Sicht der Behörden. Sie ist kein Urteil, das sämtliche Vorwürfe als bewiesen feststellt.
Die vorgelegte Vergleichsfassung ist außerdem noch nicht vom Gericht unterzeichnet. Die öffentlich zugängliche FTC-Verfahrensseite führt den Fall beim Abruf am 9. Oktober 2026 als anhängig. Die vorgesehenen Änderungen sind deshalb nicht mit bereits vollständig umgesetzten Regeln gleichzusetzen. Quellen: FTC-Verfahrensseite, Vergleich, S. 2 und 32
Produkte verkaufen – oder neue Verkäufer anwerben?
Amway arbeitet mit Multi-Level-Marketing, kurz MLM. Die Teilnehmer verkaufen Produkte und können außerdem an vergütungsrelevanten Umsätzen innerhalb ihres angeworbenen Teams mitverdienen.
Dieses Team wird häufig „Downline“ genannt. Dazu gehören direkt angeworbene Personen und weitere Teilnehmer, die wiederum von diesen angeworben wurden.
Damit stellt sich eine entscheidende Frage: Wer kauft die Produkte – und warum?
Kauft jemand ein Produkt, weil es ihm gefällt und den Preis wert ist? Oder kauft er es hauptsächlich, weil er damit Punkte sammeln, Boni erreichen und sein vermeintliches Geschäft voranbringen möchte?
Genau hier setzen die Vorwürfe der Behörden an. Laut Klage wurden Teilnehmer dazu angehalten, monatlich bestimmte Produktmengen zu kaufen und weitere Menschen anzuwerben, die dasselbe tun sollten. Dieses Wiederholen des Verhaltens wird im MLM als „Duplikation“ bezeichnet.
Die Behörden behaupten, viele Teilnehmer hätten dadurch Produkte gekauft, die sie weder in diesem Umfang haben wollten noch erfolgreich weiterverkaufen konnten. Quelle: Klageschrift, S. 5–7
Wenn man selbst zum wichtigsten Kunden wird
Ein vereinfachtes Beispiel zeigt das Problem: Wer regelmäßig Produkte bestellt, um eine bestimmte Bonusstufe zu erreichen, hat zunächst einmal Ausgaben. Ob daraus ein lohnendes Geschäft wird, hängt davon ab, was tatsächlich verkauft wird und nach allen Kosten übrig bleibt.
Auch selbst verbrauchte Produkte haben natürlich einen Nutzen. Trotzdem sollte man ehrlich rechnen: Hätte man diese Waren ohne die Aussicht auf ein zusätzliches Einkommen ebenfalls gekauft – zum selben Preis und in derselben Menge?
Wenn die Antwort „eigentlich nicht“ lautet, gehört dieser Kauf zur kritischen Betrachtung der Geschäftschance.
139 Dollar im Jahr: Was die Klage über die Boni sagt
Besonders aufschlussreich sind die Zahlen, die die Behörden für 2023 nennen. Demnach lag der Median der jährlichen Amway-Boni bei 139 US-Dollar vor Ausgaben.
Median bedeutet: Ordnet man die betrachteten Teilnehmer nach der Höhe ihrer Boni, liegt dieser Wert in der Mitte. Er beschreibt also nicht den Durchschnitt, den einige wenige Spitzenverdiener stark nach oben ziehen können.
Außerdem hätten weniger als 1.600 von über 241.000 IBOs mindestens 40.000 US-Dollar an Boni erhalten. „IBO“ ist Amways Bezeichnung für seine selbstständigen Vertriebspartner.
Diese Angaben betreffen Boni. Sie sind keine vollständige Berechnung aller Einnahmen und Ausgaben. Zusätzliche Gewinne aus eigenen Produktverkäufen können hinzukommen; Kosten müssen abgezogen werden. Trotzdem zeigen die Zahlen, warum einzelne Erfolgsgeschichten wenig darüber aussagen, was ein neuer Teilnehmer realistischerweise erwarten kann. Quelle: Klageschrift, S. 9 und 37–40
Eine Auszahlung ist noch kein Gewinn
Das klingt selbstverständlich, geht in begeisterten Präsentationen aber schnell unter.
Ein frei erfundenes Rechenbeispiel: Du bekommst in einem Monat 100 Euro ausgezahlt. Gleichzeitig gibst du 150 Euro für geschäftliche Schulungen, Fahrten und Veranstaltungen aus. Dann hast du allein damit bereits 50 Euro mehr ausgegeben als eingenommen.
Warenkosten und deine Arbeitszeit sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Eine Geschäftschance sollte deshalb daran gemessen werden, was nach allen Kosten übrig bleibt.
Das zusätzliche Geschäft mit dem Erfolgswissen
Neben den Produkten spielen im Verfahren die Schulungsangebote eine wichtige Rolle. WWG und LTD verkaufen unter anderem Veranstaltungszugänge, Audioinhalte und die Nutzung von Kommunikationsangeboten.
Laut Klage stellten führende Vertriebspartner diese Angebote als wesentlich für den Erfolg dar. Zugleich sollen sie an den Schulungserlösen verdient haben.
Die Behörden nennen erhebliche Ausgaben: Bei WWG hätten allein Mitgliedschaft, Nachrichten-App und Eintrittskarten für große Veranstaltungen für eine Einzelperson mehr als 2.100 US-Dollar pro Jahr ausgemacht. Reisekosten und weitere Ausgaben konnten hinzukommen. Diese Angaben beziehen sich auf die untersuchten Zeiträume, nicht auf eine aktuelle Preisliste. Quelle: Klageschrift, S. 20–23
Das wirft eine naheliegende Frage auf: Wie unabhängig ist der Rat, noch ein Seminar zu besuchen, wenn der Ratgeber daran mitverdient?
Schulungen können sinnvoll sein. Wer sie empfiehlt, sollte aber offenlegen, welche finanziellen Interessen dahinterstehen. Und wer damit wirbt, ein bestimmtes System führe zum Erfolg, sollte zeigen können, wie häufig dieser Erfolg tatsächlich eintritt.
Der Vorwurf: Kundenverkäufe, die gar nicht stattgefunden haben
Ein besonders schwerwiegender Teil der Klage betrifft angeblich falsche Verkaufsberichte.
Die Behörden behaupten, Teilnehmer seien dazu angeleitet worden, Verkäufe an Kunden zu melden, die tatsächlich nicht stattgefunden hätten. Dadurch habe es so aussehen sollen, als würden mehr Produkte an Kunden außerhalb des Vertriebsnetzes verkauft.
Das wäre keine nebensächliche Ungenauigkeit. Ob Produkte echte Käufer finden oder vor allem von den Vertriebspartnern selbst gekauft werden, ist für die Bewertung des Geschäftsmodells entscheidend. Quelle: Klageschrift, S. 6–7
Amway widerspricht der Darstellung der Behörden. Das Unternehmen weist insbesondere die Behauptung zurück, seine Verkaufsdaten seien unzutreffend. In seiner Stellungnahme bezeichnet Amway den Vergleich als Kompromiss und erklärt, weiterhin von seinem Geschäftsmodell überzeugt zu sein. Quelle: Amways Stellungnahme vom 17. September 2026
Was sich durch den Vergleich ändern soll
Die vereinbarte Regelung sieht neben den Zahlungen mehrere konkrete Veränderungen vor.
Mehr nachweisbare Verkäufe an Kunden
Anerkannte Verkäufe an registrierte Kunden außerhalb des Vertriebsnetzes sollen mindestens 70 Prozent des monatlichen Produktvolumens eines Teilnehmers ausmachen. Berechnet wird das anhand der Produktpunkte, nicht einfach anhand der Anzahl der Packungen.
Wird dieser Anteil unterschritten, wird das für die Vergütung anrechenbare Geschäftsvolumen gekürzt.
Weniger Anreiz, an den Eigenkäufen neuer Teilnehmer zu verdienen
In den ersten sechs vollen Monaten eines neuen Teilnehmers sollen die übergeordneten Vertriebspartner kein Geschäftsvolumen aus dessen nicht weiterverkauften Produktkäufen gutgeschrieben bekommen.
Wer unmittelbar neue Teilnehmer aufnehmen möchte, muss außerdem zuvor an mindestens drei unterschiedliche anerkannte Kunden verkauft und eine vorgeschriebene Schulung abgeschlossen haben.
Schutz vor zusätzlichen Kosten im ersten Jahr
Während der ersten zwölf Monate sollen grundsätzlich keine Zahlungen von neuen Teilnehmern eingezogen werden dürfen. Ausgenommen sind Produktkäufe, die nach der Regelung zulässig sind. Damit werden insbesondere kostenpflichtige Schulungs- und Unterstützungsangebote begrenzt.
Genauere Kontrollen
Kundenverkäufe sollen nachvollziehbar dokumentiert werden. Außerdem sieht die Regelung einen externen Prüfer vor, der Verkaufsdaten untersucht und Kunden sowie Teilnehmer befragen kann.
Wesentliche Änderungen am Vergütungsmodell sollen erst neun Monate nach gerichtlicher Inkraftsetzung greifen. Ob die Maßnahmen im Alltag wirksam schützen, muss sich anschließend zeigen. Quelle: Vergleich, insbesondere Abschnitte I–III und VII
Was du aus dem Amway-Fall mitnehmen kannst
Die Unterlagen betreffen das US-Geschäft. Sie erlauben keine pauschale Aussage über jeden Amway-Vertriebspartner und lassen sich nicht automatisch auf Deutschland übertragen.
Die grundlegenden Fragen helfen aber auch hier, ein MLM-Angebot zu prüfen:
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Wie viele Teilnehmer erzielen nach sämtlichen Kosten tatsächlich einen Gewinn?
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Wie viel Geld muss ich regelmäßig ausgeben?
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Gibt es genügend Kunden, die die Produkte kaufen, ohne selbst Vertriebspartner werden zu wollen?
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Verdient die Person, die mich berät, an meinen Einkäufen oder Schulungen mit?
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Werden meine Fragen mit nachvollziehbaren Zahlen beantwortet?
Ein Foto vom Traumurlaub beantwortet keine dieser Fragen. Auch ein begeisterter Vortrag ersetzt keine ehrliche Rechnung.
Fazit: Wer Freiheit verspricht, muss die Rechnung offenlegen
Der Amway-Fall zeigt, warum es sich lohnt, hinter die Erfolgsgeschichten zu schauen. Die Behörden werfen den beteiligten Unternehmen vor, Einkommenshoffnungen geweckt und zugleich Ausgaben gefördert zu haben, die sich für viele Teilnehmer nicht rechneten. Amway widerspricht dieser Darstellung und hat einer Vergleichsregelung zugestimmt.
Für mich bleibt die entscheidende Frage: Was verdient ein gewöhnlicher Teilnehmer nach allen Kosten – und wie wahrscheinlich ist dieses Ergebnis?
Wer finanzielle Freiheit verspricht, sollte darauf eine verständliche und überprüfbare Antwort geben können. Wenn stattdessen immer neue Käufe, Schulungen und angeworbene Menschen nötig sind, ist kritisches Nachfragen angebracht.
Der Wunsch nach einem besseren Leben ist verständlich. Gerade deshalb verdient er mehr als ein Geschäftsmodell, dessen Rechnung man erst nach dem Einstieg versteht.
Linksammlung – Quellen – Must-Reads
Originalquellen zum Amway-Verfahren
- FTC: Übersicht zum Verfahren gegen Amway (EN)
Die offizielle Anlaufstelle mit Verfahrensstatus und den veröffentlichten Dokumenten. - Die Klageschrift gegen Amway, WWG und LTD (EN, PDF)
Die ausführlichen Vorwürfe der Behörden: Einkommensversprechen, Produktkäufe, Schulungskosten und angeblich falsche Verkaufsberichte. Besonders relevant sind die Seiten 20–23 zu Schulungen und 37–40 zu den Boni. Eine Klageschrift beschreibt die Vorwürfe der Kläger, keine gerichtlich festgestellten Tatsachen. - Die vereinbarte Vergleichsregelung (EN, PDF)
Hier stehen die vorgesehenen Zahlungen, Verkaufsregeln und Kontrollen. Die Regelung enthält kein Eingeständnis der Vorwürfe durch die Unternehmen. - Amways Stellungnahme zum Vergleich (EN)
Die Sicht des Unternehmens: Amway widerspricht der Darstellung der Behörden und erläutert seine Haltung zum Vergleich.
MLM-Angebote und Einkommensversprechen besser verstehen
- FTC: MLM-Unternehmen und Pyramidensysteme erklärt (EN)
Verständliche Hinweise zu Warnsignalen, möglichen Kosten und Fragen, die man vor einem Einstieg stellen sollte. - FTC: Untersuchung von 70 MLM-Einkommensberichten (EN)
Der Bericht untersucht, wie MLM-Unternehmen die Einkünfte ihrer Teilnehmer darstellen. Hilfreich, um zu erkennen, welche Informationen in beeindruckenden Verdienstangaben fehlen können. - Verbraucherzentrale: Woran man ein Schneeballsystem erkennt (DE)
Allgemeine Warnsignale für Geschäftsmodelle, die ständig neue Teilnehmer benötigen. Der Beitrag ist eine Orientierungshilfe, keine Bewertung des aktuellen Amway-Verfahrens.
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